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    Die Fußwaschung   (1714)

    Die Fußwaschung -

    Als unser göttlicher Monarch,
    Der Herr vom Himmel, wußte,
    Daß Er von seiner kleinen Arch`
    In kurzem scheiden mußte,
    Da war Er in sein menschlich Kleid
    Schon so hineingewöhnet,
    Daß Er sich nach der Herrlichkeit
    Nicht heftiger gesehnet.

    So voll von stiller Liebespein,
    Und gleichsam wie verlegen,
    Des ew`gen Vaters Sohn zu sein,
    Schritt` Er zum Abschiedssegen.
    Er sage das verlorne Kind,  —  
    Das trat Ihn schon mit Füßen;  —  
    Doch weil sich`s noch mit da befind`t,
    Will Er es auch noch grüßen.

    Man muß vom heil`gen Geiste sein,
    Von obenher gezeuget,
    Sonst fällt dergleichen Niemand ein;
    Man steht nur da und schweiget;
    Man sieht ihr zu, der Liebeshand,
    Mit stillentzückten Blicken,
    Und tut`s ihr nach im Unverstand,
    So gut es sich will schicken.

    Ach! denkt man, hätt` ich einen Feind:  —  
    (Ich bin`s nicht wert zu haben,  —  )
    Ich wollte mich in meinem Freund
    An seiner Feindschaft laben;
    Ich teilte mit ihm Brot und Kleid.
    Und wollte nicht verweilen.
    Auch meiner Seele Seligkeit
    Mit seiner Seel` zu teilen!  —  

    Was tut das auserwählte Herz,
    Die Seele voll Verlangen,
    Die Hütte von dem Todesschmerz
    Schon insgeheim durchgangen?  —  
    Er geht und holt sich Wasser dar,
    Und gießt es in ein Becken,
    Und bittet seine Jüngerschar,
    Die Füße darzustrecken.

    Sein Petrus der die Krankheit hat,
    Erst jeden Grund zu wissen,
    Gibt dieser Forderung nicht statt,  —  
    Ach aber, er wird müssen!
    Was wäre Gott, wenn die Natur
    Etwas von Ihm verstünde?  —  
    Die allerkleinste Gottesspur
    Hat uns verborg`ne Gründe!

    „Wasch` Ich dir deine Füße nicht,
    So bist du nicht der Meine!”  —  
    „„Herr, auch das Haupt!””  —  Doch Jesus spricht:
    „Heut` nur die Füß` allein!”  —  
    So geht Er denn von Ort zu Ort,
    Und wäscht die Füße reine;
    Die Seelen werden durch sein Wort
    Gereinigt, bis auf Eine.

    Schaut her, o Brüder!  —   Denn Ihr seid,
    Wenn`s Wissen gilt, nicht schwierig,
    Doch nach des Heilands Heimlichkeit
    Mit allem Recht begierig;  —  
    Schaut her, ihr hohen Cherubim,
    Ihr majestät`schen Thronen,
    In Gott andächt`ge Seraphim!  —  
    Das wird der Müh` verlohnen!  —  

    „Nun, die ihr meine Stimme kennt,
    Und meiner Liebe Pflichten:
    Gedenket an Mein Testament,
    Was ihr Mich sah`t verrichten!
    Mein letzter Will` ist das zugleich:
    Wie ich dies Wasser gieße,
    So gehet hin, und waschet Euch
    Einander auch die Füße!”

    Steht auf, und tut mit Heiligkeit
    Und zartem Liebesdürsten,
    Wozu ihr angewiesen seid
    Von unserm Friedefürsten!
    Er setzt sein Jüngervolk in Stand
    Zu dem Erlaß der Sünden; (joh. 20.23.)
    Wie leicht kann nun der Jünger Hand
    Den Staub der Füße finden!  —  

    Herr Jesu! Sei uns selber nah`,
    Und schenk` uns alle Mängel,
    Und sprich uns los in Gnaden da
    Vor`m Anlitz deiner Engel!
    Zünd` unsre Bruderflammen an,
    Demüt`ge uns von Herzen;
    Rüst`uns zum Werk in Gott getan,
    Du teurer Mann der Schmerzen!

    So wahr Du lebst, du höchstes Gut,  —  
    So wahr wir Staub und Aschen:
    So wahr sind wir in deinem Blut
    Zu reinem Gold gewaschen!  —  
    So wahr dein kleines Kirchlein hier
    Noch trägt des Kreuzes Stempel:
    So wahr ist`s deinem Geist und Dir
    Ein heil`ger Gnadentempel!

    Autor: Nikolaus Ludwig, Graf und Herr von Zinzendorf und Pottendorf (1700-1760)
    Titel: Die Fußwaschung (1714)
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