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    Der Wanderer

    Der Wanderer

    Wandrer.
    Gott segne dich, junge Frau,
    Und den säugenden Knaben
    An deiner Brust!
    Lass mich an der Felsenwand hier
    In des Ulmbaums Schatten
    Meine Bürde werfen,
    Neben dir ausruhn.

    Frau.
    Welch Gewerb treibt dich
    Durch des Tages Hitze
    Den staubigen Pfad her?
    Bringst du Waren aus der Stadt
    Im Land herum?  —  
    Lächelst, Fremdling,
    Über meine Frage?

    Wandrer.
    Keine Ware bring‘ ich aus der Stadt
    Kühl wird nun der Abend
    Zeige mir den Brunnen,
    D‘raus du trinkest,
    Liebes junges Weib!

    Frau.
    Hier den Felsenpfad hinauf.
    Geh voran! Durchs Gebüsche
    Geht der Pfad nach der Hütte,
    D‘rin ich wohne,
    Zu dem Brunnen,
    Den ich trinke.

    Wandrer.
    Spuren ordnender Menschenhand
    Zwischen dem Gesträuch!
    Diese Steine hast du nicht gefügt,
    Reichhinstreuende Natur!

    Frau.
    Weiter hinauf!

    Wandrer.
    Von dem Moos gedeckt ein Architrav!
    Ich erkenne dich, bildender Geist!
    Hast dein Siegel in den Stein geprägt.

    Frau.
    Weiter, Fremdling!

    Wandrer.
    Eine Inschrift, über die ich trete!
    Nicht zu lesen!
    Weggewandelt seid ihr,
    Tiefgegrabne Worte,
    Die ihr eures Meisters Andacht
    Tausend Enkeln zeigen solltet.

    Frau.
    Staunest, Fremdling,
    Diese Stein‘ an?
    Droben sind der Steine viel
    Um meine Hütte.

    Wandrer.
    Droben?

    Frau.
    Gleich zur Linken
    Durchs Gebüsch hinan;
    Hier.

    Wandrer.
    Ihr Musen und Grazien!

    Frau.
    Das ist meine Hütte.

    Wandrer.
    Eines Tempels Trümmer!

    Frau.
    Hier zur Seit‘ hinab
    Quillt der Brunnen,
    Den ich trinke.

    Wandrer.
    Glühend webst du
    Über deinem Grabe,
    Genius! Über dir
    Ist zusammengestürzt
    Dein Meisterstück,
    O du Unsterblicher!

    Frau.
    Wart‘, ich hole das Gefäß
    Dir zum Trinken.

    Wandrer.
    Epheu hat deine schlanke
    Götterbildung umkleidet.
    Wie du emporstrebst
    Aus dem Schutte,
    Säulenpaar!
    Und du, einsame Schwester dort,
    Wie ihr,
    Düstres Moos auf dem heiligen Haupt,
    Majestätisch trauernd herabschaut
    Auf die zertrümmerten
    Zu euren Füßen,
    Eure Geschwister!
    In des Brombeergesträuches Schatten
    Deckt die Schutt und Erde,
    Und hohes Gras wankt drüber hin!
    Schätzest du so, Natur,
    Deines Meisterstücks Meisterstück?
    Unempfindlich zertrümmerst du
    Dein Heiligtum?
    Säest Disteln d‘rein?

    Frau.
    Wie der Knabe schläft!  —  
    Willst du in der Hütte ruhn,
    Fremdling? Willst du hier
    Lieber in dem Freien bleiben?
    Es ist kühl! Nimm den Knaben,
    Dass ich Wasser schöpfen gehe.
    Schlafe, Lieber! Schlaf!

    Wandrer.
    Süß ist deine Ruh!
    Wie‘s, in himmlischer Gesundheit
    Schwimmend, ruhig atmet!
    Du, geboren über Resten
    Heiliger Vergangenheit,
    Ruh‘ ihr Geist auf dir!
    Welchen der umschwebt,
    Wird in Götterselbstgefühl
    Jedes Tags genießen.
    Voller Keim blüh‘ auf,
    Des glänzenden Frühlings
    Herrlicher Schmuck,
    Und leuchte vor deinen Gesellen!
    Und welkt die Blütenhülle weg,
    Dann steig‘ aus deinem Busen
    Die volle Frucht
    Und reife der Sonn‘ entgegen!

    Frau.
    Gesegne‘s Gott!   —   Und schläft er noch?
    Ich habe nichts zum frischen Trunk
    Als ein Stück Brot, das ich dir bieten kann.

    Wandrer.
    Ich danke dir.
    Wie herrlich alles blüht umher
    Und grünt!

    Frau.
    Mein Mann wird bald
    Nach Hause sein
    Vom Feld. O bleibe, bleibe, Mann!
    Und iss mit uns das Abendbrot.

    Wandrer.
    Ihr wohnet hier?

    Frau.
    Da, zwischen dem Gemäuer her,
    Die Hütte baute noch mein Vater
    Aus Ziegeln und des Schuttes Steinen
    Hier wohnen wir.
    Er gab mich einem Ackersmann
    Und starb in unsern Armen.   —  
    Hast du geschlafen, liebes Herz?
    Wie er munter ist und spielen will!
    Du Schelm!

    Wandrer.
    Natur! Du ewig keimende,
    Schaffst jeden zum Genuss des Lebens,
    Hast deine Kinder alle mütterlich
    Mit Erbteil ausgestattet, einer Hütte.
    Hoch baut die Schwalb‘ an das Gesims,
    Unfühlend, welchen Zierat
    Sie verklebt;
    Die Raup‘ umspinnt den goldnen Zweig
    Zum Winterhaus für ihre Brut;
    Und du flickst zwischen der Vergangenheit
    Erhabne Trümmer
    Für dein Bedürfniss
    Eine Hüte, o Mensch,
    Genießest über Gräbern!   —  
    Leb‘ wohl, du glücklich Weib!

    Frau.
    Du willst nicht bleiben?

    Wandrer.
    Gott erhalt‘ euch,
    Segn‘ euern Knaben!

    Frau.
    Glück auf den Weg!

    Wandrer.
    Wohin führt mich der Pfad
    Dort übern Berg?

    Frau.
    Nach Cuma.

    Wandrer.
    Wie weit ist‘s hin?

    Frau.
    Drei Meilen gut.

    Wandrer.
    Leb‘ wohl!
    O leite meinen Gang, Natur!
    Den Fremdlings-Reisetritt,
    Den über Gräber
    Heiliger Vergangenheit
    Ich wandle.
    Leit‘ ihn zum Schutzort,
    Vorm Nord gedeckt,
    Und wo dem Mittagsstrahl
    Ein Pappelwäldchen wehrt.
    Und kehr‘ ich dann
    Am Abend heim
    Zur Hütte,
    Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl,
    Lass mich empfangen solch ein Weib,
    Den Knaben auf dem Arm!


    Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
    Titel: Der Wanderer (Wetzlar 1772)
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