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    Frühlingsliebe

    Frühlingsliebe

    Ich stand, ein dürrer Baum,
    Vom Winterfrost entlaubet,
    Im eingehegten Raum,
    All meines Schmucks beraubet;
    Da hat mit lindem Kusse
    Mich Liebeslenz berührt,
    Und mit dem süßen Gruße
    Mir Leben zugeführt!

    Und alle Knospen, seht,
    Sie sind nun aufgeweht,
    Und überdeckt mit Blüten
    Steh` ich in Maienpracht,
    Vom Licht hell angelacht,
    Und möcht` mit allen Zweigen
    Mich hin zur Liebsten neigen!—

    Sie steht, ein andrer Baum,
    Entfernt im Gartentraum,
    Am Tage ist sie still,
    Doch kommt die Nacht, im Düstern
    Hör` ich sie leise flüstern,
    Und frage, was sie will?

    Da, durch die kühle Ruh`,
    Haucht sie mir lispelnd zu:
    „Fühlst Du wie ich ein Sehnen,
    Fühlst Du der Trennung Harm?
    Fühlst Du wie ich ein Drängen,
    Am Herzen Herz zu hängen,
    Am Arm verstrickt in Arm?”

    Und wie wir kosen, klagen,
    Und Eins den Andern sagen,
    Wie wir, so nah` uns gern,
    Doch immerdar so fern:
    Da hebt sich sanft und lind
    Ein Lüftchen, und wir lauschen
    Entzückt dem Süßen Rauschen!

    Und Lüftchen eilt geschwind,
    Auf seinen Schwingen bringt
    Den Staub es meiner Blumen
    Zu Liebchens Heiligtumen,
    Und süßer Schauer dringt
    Vom Stamm nach allen Zweigen!

    „Mein bist Du!” rauscht es nieder—
    „Und ewig ich Dein eigen!”
    So tönt es hin und wieder;
    Und Trän` auf Träne hell,
    Die wir entzücket weinen,
    Wir sehen sie versteinen
    Zu durst`gem Harze schnell!—
    Die Sterne aber sehen
    In wonnesel`ger Nacht
    Die zarteste der Ehen
    Geheimnisreich vollbracht!—

    Autor: J. Ch. Freiherr von Zedlitz (1790-1862)
    Titel: Frühlingsliebe
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