Maienthau
Auf den Wald und auf die Wiese
Mit dem ersten Morgengrau
Träuft ein Quell vom Paradiese,
Leiser, frischer Maienthau;
Was den Mai zum Heiligthume
Jeder süßen Wonne schafft,
Schmelz der Blätter, Glanz der Blume,
Würz`und Duft, ist seine Kraft.
Wenn den Thau die Muschel trinket,
Wird in ihr ein Perlenstrauß;
Wenn er in den Eichstamm sinket,
Werden Honigbienen draus;
Wenn der Vogel auf dem Reise
Kaum damit den Schnabel netzt,
Lernet er die helle Weise,
Die den ernsten Wald ergetzt.
Mit dem Thau der Maienglocken
Wascht die Jungfrau ihr Gesicht,
Badet sie die goldnen Locken,
Und sie glänzt von Himmelslicht;
Selbst ein Auge, roth geweinet,
Labt sich mit den Tropfen gern,
Bis ihm freundlich niederscheinet
Thaugetränkt der Morgenstern.
Sink denn auch auf mich hernieder,
Balsam du für jeden Schmerz!
Netz`auch mir die Augenlieder,
Tränke mir mein dürftend Herz!
Gieb mir Jugend, Sangeswonne,
Himmlischer Gebilde Schau,
Stärke mir den Blick zur Sonne,
Leiser, frischer Maienthau!
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