Das Mutterauge
von Adolf Schults

Das Mutterauge

Mutteraug‘, in deiner Bläue
Möcht‘ ich all‘ mein Leben sehn,
Möchte schaun die Lieb‘ und Treue,
Die darin geschrieben stehn!

Mutteraug‘, an meiner Wiegen
Wachtest du oft stundenlang,
Sahst du mich im Schlummer liegen,
Eingelullt von süßem Sang.

Mutteraug‘, am Krankenbette
Flehtest du gar manche Nacht
Still zum Himmel, daß er rette
Mich, dein Kind, aus Todesmacht.

Mutteraug‘, und als ein Sehnen
In die Welt mich trieb hinaus,
Sah ich fließen deine Tränen,
Da ich Abschied nahm vom Haus.

Mutteraug‘, in diese Ferne
Sendest du noch deinen Strahl,
Möchtest schaun  —  o wie so gerne!
Noch dein Kind ein einzig Mal.

Mutteraug‘, ich kehre wieder,
Kehre bald zu dir zurück;
Schließe nicht die müden Lider,
Gönne mir noch manchen Blick!

Mutteraug‘, in deine Bläue
Laß mich all‘ mein Leben sehn,
Laß mich schaun die Lieb‘ und Treue,
Die darin geschrieben stehn!

Autor: Adolf Schults (1820-1858)
Titel: Das Mutterauge
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