Scheidende Nachtigall
Du wartest nicht, bis halb und rot
Die glänzend grünen Wälder steh'n,
Bis alle Blumen welk und tot
Dahin in Wind und Regen weh'n;
Du fliegst dahin im Aetherblau
Nach fernen Ländern wunderschön,
Wo Rosen voll Demantentau,
Wo ewiggrün die lichten Höh'n.
O Nachtigall, du Liederbrust,
Ach könnt' ich mit von dannen zieh'n,
Als dieses Lebens armer Lust,
Aus dieser Lande Herbst entflieh'n!
Ach, dieses Blau ist täuschend Blau,
Ach, diese Rosen sie verweh'n;
Der Himmel über Nacht ist grau,
Und öd und kahl die Fluren steh'n.
Wohl träumt die Tugend Seligkeit,
Ein lichtes Erdenparadies;
Wohl träumt sie eine Ewigkeit,
Aus der die Zeit uns bald verstieß.
Ach aber, Lust, genossen kaum,
zerfließt sie wie ein Nebelduft,
Ach alle Ehre, Traum und Schaum!
Weß' Hand faßt Wasser, faßt die Luft?
O Herz, sei stark, o werde Kind,
Entsagend wird die Ruhe dein;
Im Opfer nur weht Himmelswind,
In Sehnsuchtsglück zieht Liebe ein!
Dann kehrt zu dir das Paradies
Mit Gott und allen Engeln ein,
Im Herzen klingt's wie Lerchen süß
Und glänzt von lichtem Frühlingsschein.
Laß nur die Nachtigall dort zieh'n,
O neide nicht die Schwingen ihr;
Laß Laub sich röten, Blumen flieh'n,
Wenn's duftiggrün im Herzen dir!
Wenn nur in deiner sel'gen Brust
Die Nachtigall nicht weiterzieht,
Und drin von ew'ger Liebe Lust
Erklingt das alte ew'ge Lied!
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