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    Walpurgisnacht

    Walpurgisnacht

    „Der Mai ist gekommen,
    Die Bäume schlagen aus!”
    Wer hätte den Ruf vernommen
    Und bliebe noch still zu Haus?

       Hinaus, hinaus in`s Freie,
    Wer noch mit begeisterter Brust
    Empfindet der Stunden Weihe
    In jauchzender Frühlingslust!

       Hinaus und fachet ein Feuer
    Dem Mai, ein loderndes, an,
    Damit er mit Ehren auch heuer
    Den Einzug halten kann.....

       Schon glimmen, schon glühen die Flammen,
    Schon stiebet der Funken Pracht:
    So feiern wir jubelnd zusammen
    Die alte Walpurgisnacht.

       Und aus den Flammen steigen
    Viel lustige Geister hervor,
    Sie wiegen sich fliegend im Reigen
    Und schwingen sich singend im Chor.

       Die Hexen schweben hernieder
    Und dreh`n sich im feurigen Kreis:
    Da fährt es auch uns durch die Glieder,
    Wie ein Taumel, fieberheiß.

       Und immer heißer und voller
    Erknistert die prasselnde Glut,
    Und immer rasender, toller
    Entfacht sie das rasche Blut.

       Und wie uns die Flammen umschlagen,
    Da sind wir, wer weiß es noch, wo?
    Es umrauschen uns alte Sagen,
    Es umglüht uns die Waberloh.

       Die Nornen nahen und singen
    Enträtselte Runen uns vor,
    Die gewaltigen Weisen klingen
    Heimlich in`s horchende Ohr.

       Die Flammen flackern und flimmern
    Und prasseln in toller Hast:
    Schon ist`s uns, als sähen wir schimmern
    Tief drinnen den Zauberpalast.

       Da schlägt in der strahlenden Brüstung
    Der Schönheit sie stolze Brunhild,
    Umschlossen von erzener Rüstung,
    Gewappnet mit Speer und mit Schild.

       Da träumt sie beim Flammengeprassel,
    Das rings sie lodernd umfängt,
    Von Waffen und Kampfgerassel
    Und dem, der die Fesseln ihr sprengt  —

       Von Sigurd, dem Allbezwinger,
    Der siegreich den Winter schreckt,
    Von Sigurd, dem Lebenbringer,
    Der die schlummernde Erde weckt:

       Da harrt sie der Hochzeitsfeier,
    Bis hell das Triumphlied klingt,
    Mit dem der gewaltige Freier
    Im Feuer die Braut sich eringt.

       Und wie sie das Lied vernommen,
    Erwacht sie aus dumpfer Ruh:
    „Der Mai, der Mai ist gekommen,
    Nun Sigurd, nahest auch Du!” —  —

       Hoch prasseln noch auf die Flammen,
    Eine wilde Feuerflut  —
    Dann sinken sie knisternd zusammen
    Und langsam verlischt die Glut.

       Doch uns in den Herzen da sprüht es
    Und ringt es in mächtigem Drang,
    Doch uns in den Herzen da glüht es
    Und klingt es in prächtigem Sang.

       „Der Mai, der Mai ist gekommen!”
    Du zaubergewaltiges Wort,
    Wenn längst das Feuer verglommen,
    Du tönest im Herzen fort.

       Du sollst und wirst nicht verklingen,
    So lang` noch die Wolken geh`n,
    So lang` noch die Menschen zu singen
    Und freudig zu jubeln versteh`n.

       Und die Ihr dies Lied vernommen,
    Frisch auf und jauchzt es hinaus:
    „Der Mai, der Mai ist gekommen,
    Die Bäume schlagen aus!”



    Autor: Christoph von Mickwitz (1850–1924)
    Titel: Walpurgisnacht
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