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    Die Sorge

    Die Sorge

    Als ich heut` nacht vom Schlummer jäh erwachte,
    Stand schauerlich an meines Lagers Rand
    Ein Wesen, das mir Angst und Schrecken machte,
    Weil es mit gieriger Dämonenhand
    Mich fassen wollte unverwandt.

    Zerrauftes Haar - wilde, verzerrte Züge -
    ”Was willst du bei mir, finsterer Dämon?
    Bist aus dem Abgrund du das Bild der Lüge,
    Das dort umschwebt des Satans finstren Thron?”-
    „Die Sorge nennt man mich, mein Sohn.

    Mir steht Palast wie Bettlerhütte offen,
    Bin eine Herrscherin mit großer Macht;
    Und wer einmal von mir ward recht getroffen,
    Dem hab ich oft in einer einz´gen Nacht
    Gebleicht der dunklen Locken Pracht.

    So ziehe ich als Schrecken durch die Lande,
    Kehr heute da ein und bin morgen dort,
    Und leg des Menschen Geist oftmals in Bande,
    Und jage, wo ich bin - an jedem Ort -
    Die Freude und die Hoffnung fort.”

    „Und bist du auch mit so viel Macht gerüstet,
    Daß niemand länger widerstehn dir kann,
    Und wenn es dich auch noch so sehr gelüstet,
    Zu ketten mich wie manchen andern mann -
    Mich ziehst du nicht in deinen Bann!”

    Ans Tagwerk ging ich dann voll Gottvertrauen,
    Drauf Schritt für Schritt die Sorge ging mir nach;
    Doch als ich sah, daß ich empfand kein Grauen
    Und stets den Kampf mit ihr aufs neue wag`-
    Da wich sie wie die Nacht vorm Tag!

    Autor: Karl Friedrich Mezger (1880-1911)
    Titel: Die Sorge
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