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    Des Alten Fluch

    Des Alten Fluch

    Ein Greis in Silberlocken, wohl achtzig Jahre alt,
    Ging mit dem Enkel langsam hinaus in Feld und Wald;
    Der Junge führte zärtlich den Alten an der Hand,
    Die beiden hielt umschlungen herzinniger Liebe Band.

    Am Friefhof ging`s vorüber, der Greis blieb lange stehn
    Und sprach zu seinem Enkel: „Bald werde ich auch gehn
    Durch diese kleine Pforte im engen Totenschein -
    Doch komm! Ich will mich heute der schönen Welt noch freu`n!”

    Drauf gingen sie zusammen langsam zur Stadt hinaus;
    Der Knabe pflückte Blumen am Weg zu einem Strauß,
    Und er bestürmt mit Fragen den lieben alten Mann,
    Die dieser sucht zu lösen, so gut er eben kann.

    Am Waldsaum angekommen mit frohem, leichtem Sinn,
    Setzt sich der Greis ermüdet auf eine Ruhbank hin;
    Der Knabe, der springt munter die breite Straß` entlang
    Mit seinem Falternetze zu lust`gem Spiel und Fang.

    Mit Lächeln sieht der Alte dem muntren Enkel zu;
    Ihn selber stimmte glücklich die stille Waldesruh,
    Und die Erinnrung bringt ihm in manchem Bild zurück
    Der Jugend gold`ne Tage, der Kindheit selig` Glück.

    Da schreckt von seinem Sinnen der Alte plötzlich auf:
    Vom Waldeck naht ein Wagen in mehr als schnellem Lauf.
    „Ach Gott, ach Gott! Mein Junge!” Der Alte rief`s hinaus;
    Doch schon haucht dort der Knabe sein junges Leben aus.

    Tot liegt er auf der Straße. Das kleine Herz zerdrückt,
    Den Strauß noch in den Händen, den eben er gepflückt;
    Sein Körper, nicht verstümmelt und nicht befleckt von Blut,
    Liegt da, als ob er friedlich in sanftem Schlummer ruht.

    Der Greis mit Schmerz und Tränen vor seinem Liebling kniet,
    Indessen unbekümmert der Wagen weiter flieht.
    „O hätte mich statt deiner des Todes Hand erfaßt!
    Gern wär ich heimgegangen, ich müder Erdengast!”

    Er hebt die Hände, fluchend dem Wagen zugewandt:
    „Auch euch soll jäh erfassen die kalte Todeshand!
    Euch, die ihr mir gemordet des Alters Lieb` und Luft,
    Werd`ebenso zermalmet das Herz in eurer Brust!”

    Kaum hat der Greis gerufen, war es auch schon geschehn,
    Daß man den Fluch beim Friedhof sah in Erfüllung gehn:
    Zerschmettert lag der Wagen und Herr und Führer dort,
    Und Sühnung hat gefunden des kleinen Knaben Mord.

    Autor: Karl Friedrich Mezger (1880-1911)
    Titel: Des Alten Fluch
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