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    Der Mutter Lied

    Der Mutter Lied

    Da drinnen im Saale, bei Becherklang
    Strich er die Fiedel so lustig, so lang;
    Nun geht er hinaus in den Abendschein
    Und setzt sich müde am Waldesrain.

    Was ist es, das dort den Geiger so schmerzt?
    Hat er nicht vorhin noch lustig gescherzt?
    Was senkt er so traurig sein Haupt hinab,
    Was trocknet er ein Träne nun ab?
    *     *     *   
    „Und willst du kein Bauer werden wie ich,
    So heiße du nimmermehr Vater mich!
    Du wirst doch nichts nütze, dein Lebtag nichts!
    Geh mir aus den Augen, du Taugenichts!”

    So stieß ihn sein Vater von Hofund Haus
    Mit Fußtritt und Fluch in die Welt hinaus.
    Drauf war er gewandert als Musikant
    Mit seiner Fiedel von Lande zu Land.
    *     *     *   
    Die Sonne sinkt und der Vollmond steigt!
    Die Vögel verstummen und alles schweigt.
    Was stimmt nur den Geiger so seltsam jetzt,
    Daß er seine Fiedel zum Spiel ansetzt?

    Den Saiten entlockt er ein Abendlied,
    Das weich und schluchzend den Wald durchzieht.
    Schon oft gab ihm Trost dieses Liedes Klang:
    Es ist seiner Mutter Lieblingsgesang.

    Er spielte zu Ende den letzten Reim;
    Wie zog ihn so mächtig die Sehnsucht heim!
    Wie gern hätte er die Heimat gesucht,
    Wenn er nicht wäre verbannt und verflucht!
    *     *     *   
    Was regt sich da plötzlich hinter dem Baum?
    Wer tritt da heraus an den Waldessaum?
    Ein Handwerksbursche, die Kleider zerfetzt,
    Den Strick in der Hand, zu Tode gehetzt!

    „Kein warmes Essen drei Tage nun schon,
    Beim Bettel erwischt und wieder entflohn,
    Da hatte ich satt meine elende Not
    Und suchte eben Erlösung im Tod.

    Schon hat ich am Baum die Schlinge gespannt,
    Da klang durch den Wald ein Lied, mir bekannt
    Als meines Mütterleins Abendgesang,
    Den ich als Knabe so oft mit ihr sang.

    Nun kann ich nicht sterben - den Strick steck`ich ein,
    Du, Geiger, hast müssen mein Retter sein!
    Dir will ich es danken in Ewigkeit!
    Ein anderes Leben beginne ich heut!”
    *     *     *   
    Den Geiger deucht`alles nur wie im Traum:
    Was sagte der Bursch? Er hänge am Baum
    Und hätte sein Leben selbst sich zerstört,
    Wenn er meiner Mutter Lied nicht gehört?

    Am nächtlichen Himmel der Vollmond scheint;
    Der sieht, wie der Geiger vor Freude weint:
    „Und wenn ich auch gleich ein Taugenichts wär`,
    So gebe ich doch meine Fiedel nicht her!

    O du, meine Fiedel, mein treuer Genoss`,
    Du bist mir mehr als das schönste Schloß!
    Mit deines Klanges gewaltiger Macht
    Hab ich schon vielen Freude gebracht.

    Doch wurde mir heute das höchste Glück -
    Ihn bracht`ich vom Tod ins Leben zurück
    Und hab ihn bewahrt vor Schande und Nacht -
    Der Fluch meines Vaters ist nichtig gemacht!

    So nimm mich nun Woge des Lebens auf!
    Und ob du mich trägst hinab, ob hinauf,
    Gern will ich dir trotzen mit starker Hand
    Und fröhlich ziehen als Geiger durchs Land!”

    Autor: Karl Friedrich Mezger (1880-1911)
    Titel: Der Mutter Lied
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