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    Mutterleben

    Mutterleben

    Am stillen Pfad der Kindheit fließt
    Ein Börnlein sanft und helle.
    Es rieselt kühl, es rieselt mild
    Und trägt des blauen Himmels Bild
    In seiner Silberwelle.
    Ach, ohne dieses Börnlein wär‘
    Des Lebens Morgen freudenleer,
    Der Kindheit Himmel trübe.  —  
    Das Börnlein ist uns wohlbekannt:
    Es heißet Mutterliebe!

    Am Börnlein sieht man sanft und hell
    Ein zartes Blümchen glänzen.
    Es ist der frommen Jugend hold
    Und reichet seiner Blüten Gold,
    Die Unschuld zu bekränzen!
    Ach, wo nicht glänzt sein milder Strahl,
    Da wird der Kindheit blühend Tal
    Zu einer öden Haide.  —  
    Das Blümchen ist uns wohlbekannt:
    Es heißet Mutterfreude!

    Am stillen Pfad der Kindheit blinkt
    Ein Sternlein sanft hernieder.
    Kein Wölkchen birgt sein Angesicht,
    Es strahlt mit ewig jungem Licht
    Und kehret immer wieder.
    Ach, wo nicht dieses Sternlein wacht,
    Verhüllet Dunkelheit und Nacht
    Der Kindheit lichte Wege.  —  
    Das Sternlein ist uns wohlbekannt:
    Es heißet Mutterpflege!

    Im stillen Glanz des Sternleins schwebt
    Ein sanftes, lindes Säuseln,
    Es macht des Säuglings Antlitz hell,
    Es lächelt gleich dem Silberquell,
    Den leichte Lüftchen kräufeln.
    Ach, ohne dieses Säuseln schweigt
    Ein Lallen, seiner Wang‘ entfleucht
    Der junge Glanz der Rosen.  —  
    Das Säuseln ist uns wohlbekannt:
    Es heißet Mutterkosen!

    Am stillen Pfad der Kindheit tönt
    Ein Laut voll Kraft und Milde.
    Es füllt des Lenzes sanftes Wehn
    Mit Land und Blumen Tal und Höhn,
    Mit Ähren die Gefilde.
    Ach, ohne diesen milden Laut
    Erstirbt, von dunkler Nacht umgraut,
    Der Kindheit Blüt‘ und Aehre.  —  
    Wir kennen wohl den süßen Laut:
    Er heißet Mutterlehre!


    Autor: Friedrich Adolf Krummacher (1767-1845)
    Titel: Mutterleben
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