Die Mutter
Mutterliebe, Muttertreue
Gibt dem kleinen Erdenglück
Seinen Anfang, seine Weihe;
Lehrt den ungewissen Blick
Erst umher, und dann zum blauen
Hochgewölbten Himmel schauen.
Diese Treue, diese Liebe
Sichert uns an ihrer Brust.
Sei der Morgen noch so trübe,
Wir erwachen da zur Lust;
Hören unter Donnerschlägen
Nur der Mutterstimme Segen.
Und das stille, traute Zimmer
Wird von Engelglanz erhellt,
Wenn des Mondes reiner Schimmer
Auf der Mutter Antlitz fällt;
Banger Nächte Finsternisse
Mindern schweigend ihre Küsse.
Fremd auf diesem Erdenrunde,
Nur daheim in ihrem Schooß,
Hängt das Kind an ihrem Munde,
Wird der Knabe spielend groß;
Klagen darf er, bitten, hoffen:
Mutterhand ist immer offen.
Sie, die jedes leise Sehnen
Stillte, sie, die Alles gab,
Beut dem Jüngling nun mit Tränen
Den gewünschten Wanderstab;
Öffnet zitternd ihm die Pforte
Bei dem letzten Abschiedsworte.
Und das letzte Wort verhallet
Lang‘ in seinem Busen nicht,
Und die Sorgenvolle wallet
Einsam oft im Dämmerlicht;
Starrt hinaus in dunkle Ferne,
Fragt nach ihm die goldnen Sterne.
Mag er jugendlich indessen
Neuer Lust entgegen gehn,
Und sein Kinderglück vergessen!
Nur des Lieblings Wiesersehn
Zeigt die tröstende, die milde
Hoffnung ihr im Rosenbilde.
Eitles Bild! Es wird verschwinden
Wie der Rose Wiederschein,
Wenn am Teich, umbraust von Winden,
Ihre Blätter sich zerstreuen.
Todesschatten sinken nieder:
Eile, Jüngling, kehre wieder!
Daß dich sterbend ihre blasse
Lippe segne; daß der Arm
Deiner Mutter dich umfasse,
Ihre Brust, so liebewarm,
An dem großen Scheidungstage
Noch an deinem Herzen schlage!
Ach, zu spät! Die starren, kalten
Hände, die so treu, so fromm
Deiner pflegten, sind gefalten,
Sind`s auf immer; Jüngling, komm,
Daß, von dir besucht, die Erde
Der Entschlafnen leichter werde.
Blicke stumm nach ihrem leeren
Sitze, deiner Seufzer wert!
Halte lebenslang in Ehren
Den durch sie geweihten Hero,
Wo die heil‘ge Flamme lodert,
Die noch Dank und Träne sodert.
Und will je dein Glaube wanken,
Wenn, im Auge Hilf‘ und Rat,
Groll und Meineid in Gedanken,
Sich der Mensch dem Menschen naht:
So ermanne dich, so freue
Dich der mütterlichen Treue!
Singt sie doch an jeder Wiege,
Lacht dem Säugling, den sie trägt!
Und es bleiben ihre Züge
Bessern Seelen eingeprägt
Die nicht von der Liebe weichen
Und die Bruderhand uns reichen.
Freue dich! Der Alles lenket,
Der die zarte Pflanz‘ im Hain,
Wie die Zeder, wärmt und tränket,
Muß durch Liebe selig sein!
Hätt‘ er sonst dies Wonnebeben
In das Mutterherz gegeben?
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