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    Tischlied
    Am 22. Januar 1802, bei der Abreise des Erbprinzen von Weimar nach Paris.

    Tischlied

    Mich ergreift, ich weiß nicht wie,
    Himmlisches Behagen.
    Will mich‘s etwa gar hinauf
    Zu den Sternen tragen?
    Doch ich bleibe lieber hier,
    Kann ich redlich sagen,
    Beim Gesang und Glase Wein
    Auf den Tisch zu schlagen.

    Wundert euch, ihr Freunde, nicht,
    Wie ich mich gebärde;
    Wirklich ist es allerliebst
    Auf der lieben Erde.
    Darum schwör‘ ich feierlich
    Und ohn‘ alle Fährde,
    Daß ich mich nicht freventlich
    Wegbegeben werde.

    Da wir aber allzumal
    So beisammen weilen,
    Dächt‘ ich, klänge der Pokal
    Zu des Dichters Zeilen.
    Gute Freunde ziehen fort,
    Wohl ein Hundert Meilen;
    Darum soll man hier am Ort
    Anzustoßen eilen.

    Lebe hoch, wer Leben schafft!
    Das ist meine Lehre.
    Unser König denn voran,
    Ihm gebührt die Ehre.
    Gegen inn- und äußern Feind
    Setzt er sich zur Wehre;
    Ans Erhalten denkt er zwar,
    Mehr noch, wie er mehre.

    Nun begrüß‘ ich sie sogleich,
    Sie, die einzig Eine.
    Jeder denke ritterlich
    Sich dabei die Seine.
    Merket auch ein schönes Kind,
    Wen ich eben meine,
    Nun, so nicke sie mir zu:
    Leb‘ auch so der Meine!

    Freunden gilt das dritte Glas,
    Zweien oder dreien,
    Die mit uns am guten Tag
    Sich im stillen freuen,
    Und der Nebel trübe Nacht
    Leis und leicht zerstreuen;
    Diesen sei ein Hoch gebracht,
    Alten oder neuen.

    Breiter wallet nun der Strom,
    Mit vermehrten Wellen.
    Leben jetzt im hohen Ton
    Redliche Gesellen!
    Die sich mit gedrängter Kraft
    Brav zusammen stellen
    In des Glückes Sonnenschein
    Und in schlimmen Fällen.

    Wie wir nun zusammen sind,
    Sind zusammen viele.
    Wohl gelingen denn, wie uns,
    Andern ihre Spiele!
    Von der Quelle bis ans Meer
    Mahlet manche Mühle,
    Und das Wohl der ganzen Welt
    Ist‘s, worauf ich ziele


    Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
    Titel: Tischlied
    (Am 22. Januar 1802, bei der Abreise des Erbprinzen von Weimar nach Paris.)

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