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    Würdiger Freund, du runzelst die Stirn
    Episteln      II.

    Würdiger Freund, du runzelst die Stirn

    Würdiger Freund, du runzelst die Stirn; dir scheinen die Scherze
    Nicht am rechten Orte zu sein; die Frage war ernsthaft,
    Und besonnen verlangst du die Antwort; da weiß ich, beim Himmel!
    Nicht, wie eben sich mir der Schalk im Busen bewegte.
    Doch ich fahre bedächtiger fort. Du sagst mir: So möchte
    Meinetwegen die Menge sich halten im Leben und Lesen,
    Wie sie könnte; doch denke dir nur die Töchter im Hause,
    Die mir der kuppelnde Dichter mit allem Bösen bekannt macht.

    Dem ist leichter geholfen, versetz‘ ich, als wohl ein Andrer
    Denken möchte. Die Mädchen sind gut und machen sich gerne
    Was zu schaffen. Da gib nur dem einen die Schlüssel zum Keller,
    Dass es die Weine des Vaters besorge, sobald sie, vom Winzer
    Oder vom Kaufmann geliefert, die weiten Gewölbe bereichern.
    Manches zu schaffen hat ein Mädchen, die vielen Gefäße,
    Leere Fässer und Flaschen in reinlicher Ordnung zu halten.
    Dann betrachtet sie oft des schäumenden Mostes Bewegung,
    Gießt das Fehlende zu, damit die wallenden Blasen
    Leicht die Öffnung des Fasses erreichen, trinkbar und helle
    Endlich der edelste Saft sich künftigen Jahren vollende.
    Unermüdet ist sie alsdann, zu füllen, zu schöpfen,
    Dass stets geistig der Trank und rein die Tafel belebe.

    Lass der andern die Küche zum Reich; Da gibt es, wahrhaftig,
    Arbeit genug, das tägliche Mahl durch Sommer und Winter
    Schmackhaft stets zu bereiten und ohne Beschwerde des Beutels.
    Denn im Frühjahr sorget sie schon, im Hofe die Küchlein
    Bald zu erziehen und bald die schnatternden Enten zu füttern.
    Alles, was ihr die Jahreszeit gibt, das bringt sie bei Zeiten
    Dir auf den Tisch und weiß mit jeglichem Tage die Speisen
    Klug zu wechseln, und reift nur eben der Sommer die Früchte,
    Denkt sie an Vorrat schon für den Winter. Im kühlen Gewölbe
    Gärt ihr der Kräftige Kohl, und reifen im Essig die Gurken;
    Aber die luftige Kammer bewahrt ihr die Gaben Pomonens.
    Gerne nimmt sie das Lob vom Vater und allen Geschwistern,
    Und misslingt ihr etwas, dann ist‘s ein größeres Unglück,
    Als wenn dir ein Schuldner entläuft und den Wechsel zurücklässt.
    Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im Stillen
    Häuslicher Tugend entgegen, den klugen Mann zu beglücken.
    Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich ein Kochbuch,
    Deren Hunderte schon die eifrigen Pressen uns gaben.

    Eine Schwester besorget den Garten, der schwerlich zur Wildnis,
    Deine Wohnung romantisch und feucht zu umgeben, verdammt ist,
    Sondern in zierliche Beete geteilt, als Vorhof der Küche,
    Nützliche Kräuter ernährt und jugendbeglückende Früchte.
    Patriarchalisch erzeuge so selbst dir ein kleines gedrängtes
    Königreich und bevölkre dein Haus mit treuem Gesinde.
    Hast du der Töchter noch mehr, die lieber sitzen und stille
    Weibliche Arbeit verrichten, da ist‘s noch besser; die Nadel
    Ruht im Jahre nicht leicht; denn, noch so häuslich im Hause,
    Mögen sie öffentlich gern als müßige Damen erscheinen.
    Wie sich das Nähen und Flicken vermehrt, das Waschen und Bügeln
    Hundertfältig, seitdem in weißer arkadischer Hülle
    Sich das Mädchen gefällt, mit langen Röcken und Schleppen
    Gassen kehret und Gärten, und Staub erreget im Tanzsaal.
    Wahrlich! Wären mir nur der Mädchen ein Dutzend im Hause,
    Niemals wär‘ ich verlegen um Arbeit; sie machen sich Arbeit
    Selber genug; es sollte kein Buch im Laufe des Jahres
    Über die Schwelle mir kommen, vom Bücherverleiher gesendet.


    Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
    Titel: Würdiger Freund, du runzelst die Stirn
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