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    Schwer erhalten wir uns den guten Namen
    Römische Elegieen      VI.

    Schwer erhalten wir uns den guten Namen

    Schwer erhalten wir uns den guten Namen; denn Fama
    Steht mit Amorn, ich weiß, meinem Gebieter, in Streit.
    Wißt auch ihr, woher es entsprang, daß beide sich hassen?
    Alte Geschichten sind das, und ich erzähle sie wohl.
    Immer die mächtige Göttin, doch war sie für die Gesellschaft
    Unerträglich, denn gern führt sie das herrschende Wort;
    Und so war sie von je bei allen Göttergelagen
    Mit der Stimme von Erz Großen und Kleinen verhasst.
    So berühmte sie einst sich übermütig, sie habe
    Jovis herrlichen Sohn ganz sich zum Sklaven gemacht.
    „Meinen Herkules führ‘ ich dereinst, o Vater der Götter,”
    Rief triumphierend sie aus, „wiedergeboren, dir zu.
    Herkules ist es nicht mehr, den dir Alkmene geboren;
    Seine Verehrung für mich macht ihn auf Erden zum Gott.
    Schaut er nach dem Olymp, so glaubst du, er schaue nach deinen
    Mächtigen Knien: vergib! Nur in den Äther nach mir
    Blickt der würdigste Mann; nur mich zu verdienen durchschreitet
    Leicht sein mächtiger Fuß Bahnen, die keiner betrat;
    Aber auch ich begegn‘ ihm auf seinen Wegen und preise
    Seinen Namen voraus, eh‘ er die Tat noch beginnt.
    Mich vermählst du ihm einst; der Amazonen Besieger
    Werd‘ auch meiner, und ihn nenn‘ ich mit Freuden Gemahl!”
    Alles schwieg; sie mochten nicht gern die Prahlerin reizen;
    Denn sie denkt sich, erzürnt, leicht was Gehässiges aus.
    Amorn bemerkte sie nicht: Er schlich bei Seite; den Helden
    Bracht‘ er mit weniger Kunst unter der Schönsten Gewalt.
    Nun vermummt er sein Paar; ihr hängt er die Bürde des Löwen
    Über die Schultern und lehnt mühsam die Keule dazu.
    Drauf bespickt er mit Blumen des Helden sträubende Haare,
    Reichet den Rocken der Faust, die sich dem Scherze bequemt.
    So vollendet er bald die neckische Gruppe; dann läuft er,
    Ruft durch den ganzen Olymp: „Herrliche Taten geschehn!
    Nie hat Erd‘ und Himmel, die unermüdete Sonne
    Hat auf der ewigen Bahn keines der Wunder erblickt.”
    Alles eilte; sie glaubten dem losen Knaben, denn ernstlich
    Hatt‘ er gesprochen; und auch Fama, sie blieb nicht zurück.
    Wer sich freute, den Mann so tief erniedrigt zu sehen,
    Denkt ihr? Juno. Es galt Amorn ein freundlich Gesicht.
    Fama daneben, wie stand sie beschämt, verlegen, verzweifelnd!
    Anfangs lachte sie nur: „Masken, ihr Götter, sind das!
    Meinen Helden, ich kenn‘ ihn zu gut! Es haben Tragöden
    Uns zum besten!” Doch bald sah sie mit Schmerzen, er war‘s!  —  
    Seit der Zeit ist zwischen den zweien der Fehde nicht Stillstand;
    Wie sie sich Helden erwählt, gleich ist der Knabe darnach.
    Aber auch sie, die Göttin, verfolgt ihn mit Augen und Ohren;
    Sieht sie ihn einmal bei dir, gleich ist sie feindlich gesinnt,
    Und so geht es auch mir: Schon leid‘ ich ein wenig; die Göttin,
    Eifersüchtig, sie forscht meinem Geheimnisse nach.
    Doch es ist ein altes Gesetz; Ich schweig‘ und verehre;
    Denn der Könige Zwist büßten die Griechen, wie ich.


    Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
    Titel: Schwer erhalten wir uns den guten Namen
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