Vier Jahreszeiten (1796)
Herbst
28
Alle Blüten müssen vergehn, daß Früchte beglücken;
Blüten und Frucht zugleich gebet ihr Musen allein.
29
Früchte bringet das Leben dem Mann; doch hangen sie selten
Rot und lustig am Zweig, wie uns ein Apfel begrüßt.
30
Nimm dem Prometheus die Fackel, beleb‘, o Muse, die Menschen!
Nimm sie dem Amor, und rasch quäl‘ und beglücke wie er!
31
Saiten rühret Apoll; doch er spannt auch den tödtenden Bogen;
Wie er die Hirtin entzückt, streckt er den Python in Staub.
32
Freunde, treibet nur alles mit Ernst und Liebe; die beiden
Stehen dem Deutschen so schön, den ach! so vieles entstellt.
33
Wär‘t ihr, Schwärmer, im Stande, die Ideale zu fassen,
O! so verehrtet ihr auch, wie sich‘s gebührt, die Natur.
34
Wem zu glauben ist, redlicher Freund, das kann ich dir sagen:
Glaube dem Leben; es lehrt besser, als Redner und Buch.
35
Kinder werfen den Ball an die Wand und fangen ihn wieder;
Aber ich lobe das Spiel, wirft mir der Freund ihn zurück.
36
Schädliche Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nützlichen Irrtum.
Wahrheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns erregt.
37
Schadet ein Irrtum wohl? Nicht immer! aber das Irren
Immer schadet‘s. Wie sehr, sieht man am Ende des Wegs.
38
Irrtum verläßt uns nie; doch zieht ein höher Bedürfnis
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.
39
Wer ist der glücklichste Mensch? Der fremdes Verdienst zu empfinden
Weiß und an fremdem Genuß sich wie am eignen zu freun.
40
Halte das Bild der Würdigen fest! Wie leuchtende Sterne
Teile sie aus die Natur durch den unendlichen Raum.
41
Dieser ist mir der Freund, der mit mir Strebendem wandelt;
Lädt er zum Sitzen mich ein, stehl‘ ich für heute mich weg.
42
Wie beklag‘ ich es tief, daß diese herrliche Seele,
Wert, mit zum Zwecke zu gehn, mich nur als Mittel begreift!
43
Was heißt schonender Tadel? der deinen Fehler verkleinert?
Zudeck`? Nein, der dich selbst über den Fehler erhebt.
44
Warum will sich Geschmack und Genie so selten vereinen?
Jener fürchtet die Kraft, dieses verachtet den Zaum.
45
Welchen Leser ich wünsche? Den unbefangensten, der mich,
Sich und die Welt vergißt und in dem Buche nur lebt.
46
„Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen!
Aber unsre Partei, freilich, versteht sich von selbst.”
47
Wer ist der edlere Mann in jedem Stande? Der stets sich
Neiget zum Gleichgewicht, was er auch habe voraus.
48
Wißt ihr, wie auch der Kleine was ist? Er mache das Kleine
Recht; der Große begehrt just so das Große zu tun.
49
Was ist heilig? Das ist‘s, was viele Seelen zusammen
Bindet, bänd‘ es auch nur leicht, wie die Binse den Kranz.
50
Was ist das Heiligste? Das, was heut‘ und ewig die Geister,
Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht.
51
Vieles gibt uns die Zeit und nimmt‘s auch; aber der Bessern
Holde Neigung, sie sei ewig dir froher Genuß.
52
Wer ist das würdigste Glied des Staats? Ein wackerer Bürger;
Unter jeglicher Form bleibt er der edelste Stoff.
53
Wer ist denn wirklich ein Fürst? Ich hab‘ es immer gesehen,
Der nur ist wirklich Fürst, der es vermochte zu sein.
54
Republiken hab‘ ich gesehen, und das ist die beste,
Die dem regierenden Teil Lasten, nicht Vorteil gewährt.
55
Ob du der Klügste seist, daran ist wenig gelegen;
Aber der Biederste sei, so wie bei Rate, zu Haus.
56
Diesmal streust du, o Herbst, nur leichte, welkende Blätter;
Gib mir ein andermal schwellende Früchte dafür.
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