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    Bei Betrachtung von Schillers Schädel
    Die Ausgabe von 1825 einleitend

    Bei Betrachtung von Schillers Schädel

    Im ernsten Beinhaus war‘s, wo ich beschaute,
       Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
       Die alte Zeit gedacht‘ ich, die ergraute.
    Sie stehn in Reih‘ geklemmt, die sonst sich haßten,
       Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,
       Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten.
    Entrenkte Schulterblätter! Was sie trugen,
       Fragt niemand mehr, und zierlich tät‘ge Glieder,
       Die Hand, der Fuß zerstreut aus Lebensfugen.
    Ihr Müden also lagt vergebens nieder;
       Nicht Ruh‘ im Grabe ließ man euch, vertrieben
       Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder,
    Und niemand kann die dürre Schale lieben,
       Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.
       Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,
    Die heil‘gen Sinn nicht jedem offenbarte,
       Als ich in Mitten solcher starren Menge
       Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte,
    Daß in des Raumes Moderkält‘ und Enge
       Ich frei und wärmefühlend mich erquickte,
       Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.
    Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!
       Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!
       Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,
    Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.
       Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,
       Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten   —  
    Dich höchsten Schatz aus Moder fromm entwendend
       Und in die freie Luft, zu freiem Sinnen,
       Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.
    Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
       Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare,
       Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
       Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre!


    Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
    Titel: Bei Betrachtung von Schillers Schädel (Die Ausgabe von 1825 einleitend)
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