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    An Werther
    Die Ausgabe von 1825 einleitend

    An Werther

    Noch einmal wagst du, vielbeweinter Schatten,
    Hervor dich an das Tageslicht,
    Begegnest mir auf neubeblümten Matten
    Und meinen Anblick scheust du nicht.
    Es ist, als ob du lebtest in der Frühe,
    Wo uns der Tau auf Einem Feld erquickt,
    Und nach des Tages unwillkommner Mühe
    Der Scheidesonne letzter Strahl entzückt;
    Zum Bleiben ich, zum Scheiden du erkoren,
    Gingst du voran   —   und hast nicht viel verloren.

    Des Menschen Leben scheint ein herrlich Los:
    Der Tag wie lieblich! so die Nacht wie groß!
    Und wir, gepflanzt in Paradieses Wonne,
    Genießen kaum der hocherlauchten Sonne,
    Da kämpft sogleich verworrene Bestrebung
    Bald mit uns selbst und bald mit der Umgebung;
    Keins wird vom Andern wünschenswert ergänzt,
    Von außen düstert‘s, wenn es innen glänzt,
    Ein glänzend Äußres deckt mein trüber Blick,
    Da steht es nah‘, und man verkennt das Glück.

    Nun glauben wir‘s zu kennen! Mit Gewalt
    Ergreift uns Liebreiz weiblicher Gestalt:
    Der Jüngling, froh wie in der Kindheit Flor,
    Im Frühling tritt als Frühling selbst hervor,
    Entzückt, erstaunt, wer dies ihm angetan?
    Er schaut umher, die Welt gehört ihm an.
    Ins Weite zieht ihn unbefangne Hast,
    Nichts engt ihn ein, nicht Mauer, nicht Palast;
    Wie Vögelschar an Wäldergipfeln streift,
    So schwebt auch er, der um die Liebste schweift,
    Er sucht vom Äther, den er gern verläßt,
    Den treuen Blick, und dieser hält ihn fest.

    Doch erst zu früh und dann zu spät gewarnt,
    Fühlt er den Flug gehemmt, fühlt sich umgarnt.
    Das Wiedersehn ist froh, das Scheiden schwer,
    Das Wieder-Wiedersehn beglückt noch mehr,
    Und Jahre sind im Augenblick ersetzt;
    Doch tückisch harrt das Lebewohl zuletzt.

    Du lächelst, Freund, gefühlvoll wie sich ziemt
    Ein gräßlich Scheiden machte dich berühmt.
    Wir feierten dein kläglich Mißgeschick,
    Du ließest uns zu Wohl und Weh zurück;
    Dann zog uns wieder ungewisse Bahn
    Der Leidenschaften labyrinthisch an;
    Und wir verschlungen wiederholter Not,
    Dem Scheiden endlich   —   Scheiden ist der Tod!
    Wie klingt es rührend, wenn der Dichter singt,
    Den Tod zu meiden, den das Scheiden bringt!
    Verstrickt in solche Qualen halbverschuldet,
    Geb‘ ihm ein Gott zu sagen, was er duldet.


    Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
    Titel: An Werther (Die Ausgabe von 1825 einleitend)
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