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    Paria » Legende
    Paria
  • 1. Das Paria Gebet
  • 2. Legende
  • 3. Dank des Paria

    Legende

    Wasser holen geht die reine,
    Schöne Frau des hohen Bramen,
    Des verehrten, fehlerlosen,
    Ernstester Gerechtigkeit.
    Täglich von dem heiligen Flusse
    Holt sie köstlichstes Erquicken;  —  
    Aber wo ist Krug und Eimer?
    Sie bedarf derselben nicht.
    Seligem Herzen, frommen Händen
    Ballt sich die bewegte Welle
    Herrlich zu kristallner Kugel;
    Diese trägt sie frohen Busens,
    Reiner Sitte, holden Wandelns
    Vor den Gatten in das Haus.

    Heute kommt die morgendliche
    Im Gebet zu Ganges Fluten,
    Beugt sich zu der klaren Fläche  —  
    Plötzlich überraschend spiegelt
    Aus des höchsten Himmels Breiten
    Über ihr vorübereilend
    Allerlieblichste Gestalt
    Hehren Jünglings, den des Gottes
    Uranfänglich schönes Denken
    Aus dem ew‘gen Busen schuf;
    Solchen schauend, fühlt ergriffen
    Von verwirrenden Gefühlen
    Sie das innere, tiefste Leben,
    Will verharren in dem Anschaun,
    Weis‘t es weg, da kehrt es wieder,
    Und verworren strebt sie flutwärts,
    Mit unsichrer Hand zu schöpfen;
    Aber ach! sie schöpft nicht mehr!
    Denn des Wassers heilige Welle
    Scheint zu fliehn, sich zu entfernen,
    Sie erblickt nur hohler Wirbel
    Grause Tiefen unter sich.

    Arme sinken, Tritte straucheln,
    Ist‘s denn auch der Pfad nach Hause?
    Soll sie zaudern? soll sie fliehen?
    Will sie denken, wo Gedanke,
    Rat und Hülfe gleich versagt?  —  
    Und so tritt sie vor den Gatten;
    Er erblickt sie, Blick ist Urteil,
    Hohen Sinns ergreift das Schwert er,
    Schleppt sie zu dem Totenhügel,
    Wo Verbrecher büßend bluten.
    Wüßte sie zu widerstreben?
    Wüßte sie sich zu entschuld‘gen,
    Schuldig, keiner Schuld bewußt?

    Und er kehrt mit blutigem Schwerte
    Sinnend zu der stillen Wohnung;
    Da entgegnet ihm der Sohn:
    „Wessen Blut ist‘s? Vater! Vater!”  —  
    Der Verbrecherin!   —   „Mit nichten!
    Denn es starret nicht am Schwerte
    Wie verbrecherische Tropfen,
    Fließt wie aus der Wunde frisch.
    Mutter, Mutter! tritt heraus her!
    Ungerecht war nie der Vater,
    Sage, was er jetzt verübt.”
    Schweige! Schweige! ’s ist das ihre!  —  
    „Wessen ist es?”   —   Schweige! Schweige!  —  
    „Wäre meiner Mutter Blut!
    Was geschehen? was verschuldet?
    Her das Schwert! ergriffen hab‘ ich‘s;
    Deine Gattin magst du töten,
    Aber meine Mutter nicht!
    In die Flammen folgt die Gattin
    Ihrem einzig Angetrauten,
    Seiner einzig teuren Mutter
    In das Schwert der treue Sohn.”

    Halt, o halte! rief der Vater;
    Noch ist Raum, enteil‘, enteile!
    Füge Haupt dem Rumpfe wieder,
    Du berührest mit dem Schwerte,
    Und lebendig folgt sie dir.

    Eilend, atemlos erblickt er
    Staunend zweier Frauen Körper
    Überkreuzt, und so die Häupter;
    Welch Entsetzen! welche Wahl!
    Dann der Mutter Haupt erfaßt er,
    Küßt es nicht, das tot erblaßte,
    Auf des nächsten Rumpfes Lücke
    Setzt er‘s eilig, mit dem Schwerte
    Segnet er das fromme Werk.

    Aufersteht ein Riesenbildnis.   —  
    Von der Mutter teuren Lippen,
    Göttlich-unverändert-süßen,
    Tönt das grausenvolle Wort:
    Sohn, o Sohn! welch Übereilen!
    Deiner Mutter Leichnam dorten,
    Neben ihm das freche Haupt
    Der Verbrecherin, des Opfers
    Waltender Gerechtigkeit!
    Mich nun hast du ihrem Körper
    Eingeimpft auf ewige Tage;
    Weisen Wollens, wilden Handelns
    Werd‘ ich unter Göttern sein.
    Ja, des Himmelsknaben Bildnis
    Webt so schön vor Stirn und Auge;
    Senkt sich‘s in das Herz herunter,
    Regt es tolle Wutbegier.

    Immer wird es wiederkehren,
    Immer steigen, immer sinken,
    Sich verdüstern, sich verklären,
    So hat Brama dies gewollt.
    Er gebot ja buntem Fittich,
    Klarem Antlitz, schlanken Gliedern,
    Göttlich-einzigem Erscheinen,
    Mich zu prüfen, zu verführen;
    Denn von oben kommt Verführung,
    Wenn‘s den Göttern so beliebt.
    Und so soll ich, die Bramane,
    Mit dem Haupt im Himmel weilend,
    Fühlen, Paria, dieser Erde
    Niederziehende Gewalt.

    Sohn, ich sende dich dem Vater!
    Tröste!   —   Nicht ein traurig Büßen,
    Stumpfes Harren, stolz Verdienen
    Halt‘ euch in der Wildnis fest;
    Wandert aus durch alle Welten,
    Wandelt hin durch alle Zeiten,
    Und verkündet auch Geringstem:
    Daß ihn Brama droben hört!
    Ihm ist keiner der Geringste   —  
    Wer sich mit gelähmten Gliedern,
    Sich mit wild zerstörtem Geiste,
    Düster, ohne Hülf‘ und Rettung,
    Sei er Brame, sei er Paria,
    Mit dem Blick nach oben kehrt,
    Wird‘s empfinden, wird‘s erfahren:
    Dort erglühen tausend Augen,
    Ruhend lauschen tausend Ohren,
    Denen nichts verborgen bleibt.

    Heb‘ ich mich zu seinem Throne,
    Schaut er mich, die Grausenhafte,
    Die er gräßlich umgeschaffen,
    Muß er ewig mich bejammern,
    Euch zugute komme das.
    Und ich werd‘ ihn freundlich mahnen,
    Und ich werd‘ ihm wütend sagen,
    Wie es mir der Sinn gebietet,
    Wie es mir im Busen schwellet.
    Was ich denke, was ich fühle:
    Ein Geheimnis bleibe das.


  • Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
    Titel: Paria - Legende
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