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    Dilettant und Kritiker

    Dilettant und Kritiker

    Es hatt‘ ein Knab‘ eine Taube zart,
    Gar schön von Farben und bunt,
    Gar herzlich lieb nach Knabenart
    Geätzet aus seinem Mund,
    Und hatte so Freud‘ am Täubchen sein,
    Dass er nicht konnte sich freuen allein.

    Da lebte nicht weit ein Alt-Fuchs herum,
    Erfahren und lehrreich und schwätzig darum;
    Der hatte den Knaben manch Stündlein ergötzt,
    Mit Wundern und Lügen verprahlt und verschwätzt.

    „Muss meinem Fuchs doch mein Täubelein zeigen!”
    Er lief und fand ihn strecken in Sträuchen.
    „Sieh, Fuchs, mein lieb Täublein, mein Täublein so schön!
    Hast du dein‘ Tag‘ so ein Täubchen gesehn?”

    Zeig‘ her!   —   Der Knabe reicht‘s.   —   Geht wohl an:
    Aber es fehlt noch manches dran.
    Die Federn, zum Exempel, sind zu kurz geraten.
    Da fing er an, rupft‘ sich den Braten.

    Der Knabe schrie.   —   Du musst stärkre einsetzen,
    Sonst ziert‘s nicht, schwinget nicht.   —  
    Da war‘s nackt   —   Missgeburt!   —   Und in Fetzen.
    Dem Knaben das Herze bricht.

    Wer sich erkennt im Knaben gut,
    Der sei vor Füchsen auf seiner Hut.


    Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
    Titel: Dilettant und Kritiker
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