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    Heimkehr

    Heimkehr

    Heimwärts kam ich spät gezogen
    Nach dem väterlichen Haus,
    Die Gedanken weit geflogen
    Über Berg und Tal voraus.
    „Nur noch hier aus diesem Walde!”
    Sprach ich, streichelt‘ sanft mein Roß,
    „Goldnen Haber kriegst du balde,
    Ruhn wir aus auf lichtem Schloß.”

    „Doch warum auf diesen Wegen
    Sieht‘s so still und einsam aus?
    Kommt denn keiner mir entgegen,
    Bin ich nicht mehr Sohn vom Haus?
    Kein‘ Hoboe hör‘ ich schallen,
    Keine bunte Truppe mehr
    Seh ich froh den Burgpfad wallen  —  
    Damals ging es lust‘ger her.”

    Über die vergold‘ten Zinnen
    Trat der Monden eben vor,
    „Holla ho! ist niemand drinnen?
    Fest verriegelt ist das Tor.
    Wer will in der Nacht mich weisen,
    Von des Vaters Hof und Haus!”
    Mit dem Schwert hau‘ ich die Eisen,
    Und das Tor springt rasselnd auf.

    Doch was seh ich! wüst, verfallen
    Zimmer, Hof und Bogen sind,
    Einsam meine Tritte hallen,
    Durch die Fenster pfeift der Wind.
    Alle Ahnenbilder lagen
    Glanzlos in den Schutt verwühlt,
    Und die Zither drauf, zerschlagen,
    Auf der ich als Kind gespielt.

    Und ich nahm die alte Zither,
    Trat ans Fenster voller Gras,
    Wo so ofte hinterm Gitter
    Sonst die Mutter bei mir saß:
    Gern mit Märlein mich erbaute,
    Daß ich still saß, Abendrot,
    Strom und Wälder fromm beschaute –
    „Mutter, bist du auch schon tot?”

    So war ich in‘ Hof gekommen  —  
    Was ich da auf einmal sah,
    Hat den Atem mir benommen,
    Bleibt mir bis zum Tode nah:
    Aufrecht saßen meine Ahnen,
    Und kein Laut im Hofe ging,
    Eingehüllt in ihre Fahnen,
    Da im ewig stillen Ring.

    Und den Vater unter ihnen
    Sah ich sitzen an der Wand,
    Streng und steinern seine Mienen,
    Doch in tiefster Brust bekannt;
    Und in den gefaltnen Händen
    Hielt er ernst ein blankes Schwert,
    Tät die Blicke niemals wenden,
    Ewig auf den Stahl gekehrt.

    Da rief ich aus tiefsten Schmerzen:
    „Vater, sprich ein einzig Wort,
    Wälz den Fels von deinem Herzen,
    Starre nicht so ewig fort!
    Was das Schwert mit seinem Scheinen,
    Rede, was dein Schauen will;
    Denn mir graust durch Mark und Beine,
    Wie du so entsetzlich still.”  —  

    Morgenleuchten kam geflogen,
    Und der Vater ward so bleich,
    Adler hoch darüber zogen
    Durch das klare Himmelreich,
    Und der Väter stiller Orden
    Sank zur Ruh in Ewigkeit,
    Steine, wie es lichte worden,
    Standen da im Hof zerstreut.

    Nur der Degen blieb da droben
    Einsam liegen überm Grab;
    „Sei denn Hab‘ und Gut zerstoben,
    Wenn ich dich, du Schwert, nur hab‘!”
    Und ich faßt‘ es.  —  Leute wühlten
    Übern Berg, hinab, hinauf,
    Ob sie für verrückt mich hielten  —  
    Mir ging hell die Sonne auf.

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Heimkehr (1810)
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