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    Sehnsucht

    (1)
    Vöglein in den sonn‘gen Tagen!
    Lüfte blau, die mich verführen!
    Könnt‘ ich bunte Flügel rühren,
    Über Berg und Wald sie schlagen!

    Ach! es spricht des Frühlings Schöne,
    Und die Vögel alle singen:
    Sind die Farben denn nicht Töne,
    Und die Töne bunte Schwingen?

    Vöglein, ja, ich laß das Zagen!
    Winde sanft die Segel rühren,
    Und ich lasse mich verführen,
    Ach! wohin? mag ich nicht fragen.


    (2)
    Ach! wie ist es doch gekommen,
    Daß die ferne Waldespracht
    So mein ganzes Herz genommen,
    Mich um alle Ruh‘ gebracht!

    Wenn von drüben Lieder wehen,
    Waldhorn gar nicht enden will,
    Weiß ich nicht, wie mir geschehen,
    Und im Herzen bet‘ ich still.

    Könnt‘ ich zu den Wäldern flüchten
    Mit dem Grün in frischer Lust
    Mich zum Himmelsglanz aufrichten  —  
    Stark und frei wär‘ da die Brust!

    Hörnerklang und Lieder kämen
    Nicht so schmerzlich an mein Herz,
    Fröhlich wollt‘ ich Abschied nehmen,
    Zög‘ auf ewig wälderwärts.


    (3)
    Wenn die Klänge nahn und fliehen
    In den Wogen süßer Lust,
    Ach! nach tiefern Melodien
    Sehnt sich einsam oft die Brust.

    Wenn auf Bergen blüht die Frühe,
    Wieder buntbewegt die Straßen,
    Freut sich alles, wie es glühe,
    Himmelwärts die Erde blühe:
    Einer doch muß tief erblassen,
    Goldne Träume, Sternenlust
    Wollten ewig ihn nicht lassen  —  
    Sehnt sich einsam oft die Brust.

    Und aus solcher Schmerzen Schwellen,
    Was so lange dürstend rang,
    Will ans Licht nun rastlos quellen,
    Stürzend mit den Wasserfällen,
    Himmelstäubend, jubelnd, bang,
    Nach der Ferne sanft zu ziehen,
    Wo so himmlisch Rufen sang,
    Ach! nach tiefern Melodien.

    Blüten licht nun Blüten drängen,
    Daß er möcht vor Glanz erblinden;
    In den dunklen Zaubergängen,
    Von den eigenen Gesängen
    Hold gelockt, kann er nicht finden
    Aus dem Labyrinth der Brust.
    Alles, alles will‘s verkünden
    In den Wogen süßer Lust.

    Doch durch dieses Rauschen wieder
    Hört er heimlich Stimmen ziehen,
    Wie ein Fall verlorner Lieder
    Und er schaut betroffen nieder:
    „Wenn die Klänge nahn und fliehen
    In den Wogen süßer Lust,
    Ach! nach tiefern Melodien
    Sehnt sich einsam oft die Brust!”


    (4)
    Ewigs Träumen von den Fernen!
    Endlich ist das Herz erwacht
    Unter Blumen, Klang und Sternen
    In der dunkelgrünen Nacht.

    Schlummernd unter blauen Wellen
    Ruht der Knabe unbewußt,
    Engel ziehen durch die Brust;
    Oben hört er in den Wellen
    Ein unendlich Wort zerrinnen,
    Und das Herze weint und lacht,
    Doch er kann sich nicht besinnen
    In der dunkelgrünen Nacht.

    Frühling will das Blau befreien.
    Aus der Grüne, aus dem Schein
    Ruft es lockend: Ewig dein  —  
    Aus der Minne Zaubereien
    Muß er sehnen sich nach Fernen,
    Denkend alter Wunderpracht,
    Unter Blumen, Klang und Sternen
    In der dunkelgrünen Nacht.

    Heil‘ger Kampf nach langem Säumen,
    Wenn süßschauernd an das Licht
    Lieb‘ in dunkle Klagen bricht!
    Aus der Schmerzen Sturz und Schäumen
    Steigt Geliebte, Himmel, Fernen‘
    Endlich ist das Herz erwacht
    Unter Blumen, Klang und Sternen
    In der dunkelgrünen Nacht.

    Und der Streit muß sich versöhnen,
    Und die Wonne und den Schmerz
    Muß er ewig himmelwärts
    Schlagen nun in vollen Tönen:
    Ewig Träumen von den Fernen!
    Endlich ist das Herz erwacht
    Unter Blumen, Klang und Sternen
    In der dunkelgrünen Nacht.

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Sehnsucht
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