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    Jugenandacht

    (1)
    Was wollen wir vertrauen die blauen Weiten,
    Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,
    Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder,
    Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

    Wohl weiß ich‘s,  —  dieser Farben heimlich Breiten
    Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;
    Es wogt der große Schleier auf und nieder,
    Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

    Mir ist in solchen linden blauen Tagen,
    Als müßten alle Farben auferstehen,
    Aus blauer Fern‘ sie endlich zu mir gehen.

    So wart‘ ich still, schau in den Frühling milde,
    Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,
    Vor Freud‘, vor Schmerz?  —   ich weiß es nicht zu sagen.


    (2)
    Wann Lenzesstrahlen golden niederrinnen,
    Sieht man die Scharen losgebunden ziehen,
    Im Waldrevier, dem neu der Schmuck geliehen,
    Die lust‘ge Jagd nach Lieb‘ und Scherz beginnen.

    Den Sänger will der Frühling gar umspinnen,
    Er, der Geliebteste, darf nicht entfliehen,
    Fühlt rings ein Lied durch alle Farben ziehen,
    Das ihn so lockend nimmer läßt von hinnen.

    Gefangen so, sitzt er viel sel‘ge Jahre;
    Des Einsamen spottet des Pöbels Scherzen,
    Der aller Glorie möchte Lieb‘ entkleiden.

    Doch er grüßt fröhlich alle, wie sie fahren,
    Und mutig sagt er zu den süßen Schmerzen:
    „Gern sterb‘ ich bald, wollt ihr von mir je scheiden!”


    (3)
    Wann frisch die buntgewirkten Schleier wallen,
    Weit in das Land die Lerchen mich verführen,
    Da kann ich‘s tief im Herzen wieder spüren,
    Wie mich die eine liebt und ruft vor allen.

    Wenn Nachtigall‘n aus grünen Hallen schallen,
    Wen möchten nicht die tiefen Töne rühren;
    Wen nicht das süße Herzeleid verführen,
    Im Liebesklagen tot vom Baum zu fallen?  —  

    So sag‘ auch ich bei jedem Frühlingsglanze:
    Du süße Laute! laß uns beide sterben,
    Beklagt vom Wiederhallen zarter Töne,

    Kann unser Lied auch nie den Lohn erwerben,
    Daß hier mit eignem frischen Blumenkranze
    Uns endlich kröne nun die Wunderschöne!  —  


    (4)
    Der Schäfer spricht, wenn er frühmorgens weidet:
    „Dort drüben wohnt sie hinter Berg‘ und Flüssen!”
    Doch seine Wunden deckt sie gern mit Küssen,
    Wann lauschend Licht am stillen Abend scheidet.

    Ob neu der Morgenschmuck die Erde kleidet,
    Ob Nachtigallen Nacht und Stern‘ begrüßen,
    Stets fern und nah bleibt meine Lieb‘ der Süßen  —  
    Die in dem Lenz mich ewig sucht und meidet.  —  

    Doch hor‘ ich wunderbare Stimmen sprechen:
    „Die Perlen, die du treu geweint im Schmerze,
    Sie wird sie sorglich all zusammenbinden,

    Mit eigner Kette so dich süß umwinden,
    Hinauf ziehn dich an Mund und blühend Herze  —  
    Was Himmel schloß, mag nicht der Himmel brechen.”


    (5)
    Wenn du am Felsenhange standst alleine,
    Unten im Walde Vögel seltsam sangen
    Und Hörner aus der Ferne irrend klangen,
    Als ob die Heimat drüben nach dir weine.

    War‘s niemals da, als rief die eine, deine?
    Lockt dich kein Weh, kein brünstiges Verlangen
    Nach andrer Zeit, die lange schon vergangen,
    Auf ewig einzugehn in grüne Scheine?

    Gebirge dunkelblau steigt aus der Ferne,
    Und von den Gipfeln führt des Bundes Bogen
    Als Brücke weit in unbekannte Lande.

    Geheinisvoll gehn oben goldne Sterne,
    Unten erbraust viel Land in dunklen Wogen  —  
    Was zögerst du am unbekannten Rande?


    (6)
    Durchs Leben schleichen feindlich fremde Stunden,
    Wo Ängsten aus der Brust hinunterlauschen,
    Verworrne Worte mit dem Abgrund tauschen,
    Drin bodenlose Nacht nur ward erfunden.

    Wohl ist des Dichters Seele stumm verbunden
    Mit Mächten, die am Volk vorüberrauschen;
    Sehnsucht muß wachsen an der Tiefe Rauschen
    Nach hellerm Licht und nach des Himmels Kunden.

    O Herr! du kennst allein den treuen Willen,
    Befrei‘ ihn von der Kerkerlust des Bösen,
    Laß nicht die eigne Brust mich feig zerschlagen!

    Und wie ich schreibe hier, den Schmerz zu stillen,
    Fühl‘ ich den Engel schon die Riegel lösen,
    Und kann vor Glanze nicht mehr weiter klagen.

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Jugenandacht
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