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    Jugendsehnen

    (1) Frisch eilt der helle Strom hinunter
    Frisch eilt der helle Strom hinunter.
    Drauf ziehn viel bunte Schifflein munter,
    Und Strom und Schiff und bunte Scheine,
    Sie fragen alle: was ich weine?
    Mir ist so wohl, mir ist so weh,
    Wie ich den Frühling fahren seh‘.

    Viel Lenze sitz‘ ich schon da oben,
    Ein Regenbogen steht im Land erhoben
    Und durch die Täler, Wiesen, Wogen
    Still, wie ein fernes Lied, gezogen,
    Schifft immerfort dein himmlisch Bild –
    Doch Strom und Schiff nie stille hielt


    (2) Denk‘ ich dein, muß bald verwehen
    Denk‘ ich dein, muß bald verwehen
    Alle Trübnis weit und breit,
    Und die frischen Blicke gehen
    Wie in einen Garten weit.

    Wunderbare Vögel wieder
    Weiden dort auf grüner Au‘,
    Einsam Engel, alte Lieder
    Ziehen durch den Himmel blau.

    Wolken, Ströme, Schiffe, alle
    Segeln in die Pracht hinein   —  
    Keines kehrt zurück von allen,
    Und ich stehe so allein.


    (3) Es saß ein Kind gebunden und gefangen
    Es saß ein Kind gebunden und gefangen,
    Wo vor der Menschen eitlem Tun und Schallen
    Der Vorzeit Wunderlaute trüb verhallen;
    Der alten Heimat dacht‘ es voll Verlangen.

    Da sieht es draußen Ströme, hell ergangen,
    Durch zaub‘risch Land viel Pilger, Sänger wallen,
    Kühl rauscht der Wald, die lust‘gen Hörner schallen,
    Aurora scheint, so weit die Blicke langen.

    O laß die Sehnsucht ganz dein Herz durchdringen!
    So legt sich blühend um die Welt dein Trauern
    Und himmlisch wird dein Schmerz und deine Sorgen.

    Ein frisch Gemüt mag wohl die Welt bezwingen,
    Ein recht Gebet bricht Banden bald und Mauern:
    Und frei springst du hinunter in den Morgen.


    (4) Sei stark getreues Herze!
    Sei stark getreues Herze!
    Laß ab von Angst und Schmerze!
    Steh auf und geh mit mir,
    Viel Freude zeig‘ ich dir.

    Die Lerchen jubilieren,
    Und fröhlich musizieren
    Aus grünem frischen Wald
    Rings Stimmlein mannigfalt.

    Geschmückt mit Edelsteinen
    Die Erd‘ in bunten Scheinen
    Als junge fromme Braut
    Dir froh ins Herze schaut.

    Im Garten zu spazieren
    Die Blumen mich verführen,
    Die Augen aus dem Grün,
    Die Quellen und das Blühn.

    Maria, schöne Rose!
    Wie stünd‘ ich freudenlose,
    Hätt‘ ich nicht dich ersehn
    Vor allen Blumen schön.

    Nun laß den Sommer gehen,
    Laß Sturm und Winde wehen;
    Bleibt diese Rose mein,
    Wie könnt‘ ich traurig sein?

    (5) Wie in einer Blume himmelblauen
    Wie in einer Blume himmelblauen
    Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,
    Ist mein Leben ein unendlich Schauen,
    Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.
    Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,
    Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;
    Aus dem duft‘gen Kelche aufgestiegen,
    Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues Lieben!


    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Jugendsehnen
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