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    Der Sänger

    (1) Siehst du die Wälder glühen

    Siehst du die Wälder glühen,
    Die Ströme flammend sprühen,
    Die Welt in Abendgluten
    Wie träumerische Fluten,
    Wo blüh‘nde Inseln trunken
    Sich spiegeln in dem Duft? –
    Es weht und rauscht und ruft:
    O komm, eh‘ wir versunken!

    Eh‘ noch die Sonn‘ versunken:
    Gehn durch die goldnen Funken
    Still Engel in den Talen,
    Das gibt so leuchtend Strahlen
    In Blumen rings und Zweigen.  —  
    Wie frommer Widerhall
    Weht noch der Glocken Schall,
    Wenn längst die Täler schweigen.

    Leis wächst durchs dunkle Schweigen
    Ein Flüstern rings und Neigen
    Wie ein geheimes Singen,
    In immer weitern Ringen
    Zieht‘s alle, die da lauschen,
    In seine duft‘ge Rund,
    Wo kühl im stillen Grund
    Die Wasserkünste rauschen.

    Wie Wald und Strom im Rauschen
    Verlockend Worte tauschen!
    Was ist‘s, daß ich ergrause?  —  
    Führt doch aus stillem Hause
    Der Hirt die goldne Herde,
    Und hütet treu und wacht,
    So lieblich weht die Nacht,
    Lind säuselt kaum die Erde.


    (2) Und zu den Felsengängen

    Und zu den Felsengängen
    Der nächt‘ge Sänger flieht,
    Denn wie mit Wahnsinns Klängen
    Treibt ihn sein eignes Lied.

    Bei leuchtenden Gewittern
    Schreckt ihn das stille Land,
    Ein wunderbar Erschüttern
    Hat ihm das Herz gewandt.

    Bereuend sinkt sein Auge  —  
    Da blickt durch Nacht und Schmerz
    Ein unsichtbares Auge
    Ihm klar ins tiefste Herz.

    Sein Saitenspiel zur Stunde
    Wirft er in tiefsten Schlund,
    Und weint aus Herzensgrunde,
    Und ewig schweigt sein Mund

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Der Sänger
    Alle Joseph Freiherr von Eichendorff Gedichte

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