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    Abend

    Abend

    Gestürzt sind die goldnen Brücken
    Und unten und oben so still!
    Es will mir nichts mehr glücken,
    Ich weiß nicht mehr, was ich will.

    Von üppig blühenden Schmerzen
    Rauscht eine Wildnis im Grund,
    Da spielt wie in wahnsinnigen Scherzen
    Das Herz an dem schwindligen Schlund.

    Die Felsen möchte ich packen
    Vor Zorn und Wehe und Lust,
    Und unter den brechenden Zacken
    Begraben die wilde Brust.

    Da kommt der Frühling gegangen,
    Wie ein Spielmann aus alter Zeit,
    Und singt von uraltem Verlangen
    So treu durch die Einsamkeit.

    Und über mir Lerchenlieder
    Und unter mir Blumen bunt,
    So werf‘ ich im Grase mich nieder
    Und weine aus Herzensgrund.

    Da fühl‘ ich ein tiefes Entzücken,
    Nun weiß ich wohl, was ich will,
    Es bauen sich andere Brücken,
    Das Herz wird auf einmal still.

    Der Abend streut rosige Flocken,
    Verhüllet die Erde nun ganz,
    Und durch des Schlummernden Locken
    Ziehn Sterne den heiligen Kranz.

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Abend
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