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    Morgenritt

    Morgenritt

    Als noch Lieb‘ mit mir im Bunde,
    Hatt‘ ich Ruhe keine Stunde;
    Wenn im Schloß noch alle schliefen,
    War‘s als ob süß Stimmen riefen,
    Tönend bis zum Herzensgrunde:
    „Auf! schon goldne Strahlen dringen,
    Heiter funkeln Wald und Garten,
    Neu erquickt die Vögel singen,
    Läßt du so dein Liebchen warten?”
    Und vom Lager mußt‘ ich springen.

    Doch kein Licht noch sah ich grauen,
    Draußen durch die nächtlich lauen
    Räume nur die Wolken flogen,
    Daß die Seele, mitgezogen,
    Gern versank im tiefen Schauen.
    Unten dann die weite Runde,
    Schlösser glänzend fern erhoben,
    Nachtigallen aus dem Grunde,
    Alles wie im Traum verwoben,
    Miteinander still im Bunde.

    Wach blieb ich am Fenster stehen,
    Kühler schon die Lüfte wehen,
    Rot schon rings des Himmels Säume,
    Regten frischer sich die Bäume,
    Stimmen hört‘ ich fernab gehen:
    Und durch Türen, öde Bogen,
    Zürnend, daß die Riegel klungen,
    Bin ich heimlich ausgezogen,
    Bis, befreit auf`s Roß geschwungen,
    Morgenwinde mich umflogen.

    Läßt der Morgen von den Höhen
    Weit die roten Fahnen wehen,
    Wiederhall in allen Lüften,
    Losgerissen aus den Klüften
    Silberner die Ströme gehen:
    Spürt der Mann die frischen Geister,
    Draußen auf dem Feld, zu Pferde,
    Alle Ängste keck zerreißt er,
    Dampfend unter ihm die Erde,
    Fühlt er hier sich Herr und Meister.

    Und so öffnet‘ ich die Schwüle
    Brust aufatmend in der Kühle,
    Locken fort aus Stirn und Wange,
    Daß der Strom mich ganz umfange,
    Frei das blaue Meer umspüle,
    Mit den Wolken, eilig fliehend,
    Mit der Ströme lichtem Grüßen
    Die Gedanken fröhlich ziehend,
    Weit voraus vor Wolken, Flüssen  —  
    Ach! ich fühlte, daß ich blühend!

    Und im schönen Garten droben,
    Wie aus Trümmern erst gehoben,
    Sah ich still mein Mädchen stehen,
    Über Flüß und Wälder gehen
    Von der heitern Warte oben
    Ihre Augen licht und helle,
    Wann der liebste kommen werde.  —  
    Ja! da kam die Sonne schnelle,
    Und weit um die ganze Erde
    War es morgenschön und helle!

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Morgenritt
    Alle Joseph Freiherr von Eichendorff Gedichte

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