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    Leid und Lust

    Leid und Lust

    Euch Wolken beneid‘ ich
    In blauer Luft,
    Wie schwingt ihr euch freudig
    Über Berg und Kluft!

    Mein Liebchen wohl seht ihr
    Im Garten gehn,
    Am Springbrunnen steht sie
    So Morgenschön.

    Und wäscht an der Quelle
    Ihr goldenes Haar,
    Die Augelein helle,
    Und blickt so klar.

    Und Busen und Wangen
    Dürft ihr da sehn.  —  
    Ich brenn‘ vor Verlangen,
    Und muß hier stehn!

    Euch Wolken bedaur‘ ich
    Bei stiller Nacht;
    Die Erde bebt schaurig,
    Der Mond erwacht:

    Da führt mich ein Bübchen
    Mit Flügelein fein
    Durchs Dunkel zum Liebchen,
    Sie läßt mich ein.

    Wohl schaut ihr die Sterne
    Weit, ohne Zahl,
    Doch bleiben sie ferne
    Euch allzumal.

    Mir leuchten zwei Sterne
    Mit süßem Strahl,
    Die küß‘ ich so gerne
    Viel tausendmal.

    Euch grüßt mit Gefunkel
    Der Wasserfall,
    Und tief aus dem Dunkel
    Die Nachtigall.

    Doch süßer es grüßet
    Als Wellentanz,
    Wenn Liebchen hold flüstert:
    „Dein bin ich ganz.”

    So segelt denn traurig
    In öder Pracht!
    Euch Wolken bedaur‘ ich
    Bei süßer Nacht.

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Leid und Lust
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