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    Der Dichter

    Der Dichter

    Nichts auf Erden nenn‘ ich mein
    Als die Lieder meiner Laute,
    Doch nenn‘ den, der freud`ger schaute
    In die schöne Welt hinein!
    Alles Lebens tiefste Schöne
    Tun geheimnisvoll ja Töne
    Nur dem frommen Sänger kund,
    Und die Freude sagt kein Mund,
    Die Gott wunderbar gelegt
    In des Dichters Herzensgrund.
    Wenn die Welt, so wild bewegt,
    Ängstlich schaut nach ihren Rettern:
    Über aller Neben Wogen
    Wölbt Er kühn den Friedensbogen,
    Und, wie nach verzognen Wettern,
    Rauscht die Erde wieder mild,
    Alle Knospen Blüten treiben,
    Und der Frühling ist sein Haus,
    Und der Frühling geht nie aus.
    O du leiblich Frauenbild!
    Willst du bei dem Sänger bleiben?
    Blumen bind`t ein streng Geschick:
    Wenn die tausend Stimmen singen,
    Alle Schmerzen, alles Glück
    Ewig lautlos zu verschweigen.
    Doch bei kühlem Mondenblick
    Regt ihr stiller Geist die Schwingen,
    Möcht‘ dem duft`gen Kelch entsteigen.
    Sieh, schon ist die Sonn‘ gesunken
    Aus der dunkelblauen Schwüle,
    Und zerspringt in tausend Funken
    An den Felsen rings und Bäumen,
    Bis sie alle selig träumen.
    Mit den Sternen in der Kühle
    Blühn da Wünsche, steigen Lieder
    Aus des Herzens Himmelsgrund,
    Und ich fühle alles wieder:
    Alte Freuden, junges Wagen!
    Ach! soviel möcht‘ ich dir sagen,
    Sagen recht aus Herzensgrund,
    In dem Rauschen, in dem Wehen
    Möcht‘ ich fröhlich mit dir gehen,
    Plaudern in der lauen Nacht,
    Bis der Morgenstern erwacht!

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: Der Dichter
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