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    An meinen Bruder

    An meinen Bruder

    Gedenkst du noch des Gartens
    Und Schlosses überm Wald,
    Des träumenden Erwartens:
    Ob‘s denn nicht Frühling bald?

    Der Spielmann war gekommen,
    Der jeden Lenz singt aus,
    Er hat uns mitgenommen
    Ins blüh‘nde Land hinaus.

    Wie sind wir doch im Wandern
    Seitdem so weit zerstreut!
    Frägt einer nach dem andern,
    Doch niemand gibt Bescheid.

    Nun steht das Schloß versunken
    Im Abendrote tief,
    Als ob dort traumestrunken
    Der alte Spielmann schlief.

    Gestorben sind die Lieben,
    Das ist schon lange her,
    Die wen‘gen, die geblieben,
    Sie kennen uns nicht mehr.

    Und fremde Leute gehen
    Im Garten vor dem Haus  —  
    Doch übern Garten sehen
    Nach uns die Wipfel aus.

    Doch rauscht der Wald im Grunde
    Fort durch die Einsamkeit
    Und gibt noch immer Kunde
    Von unsrer Jugendzeit.

    Bald mächt‘ger und bald leise
    In jeder guten Stund‘
    Geht diese Waldesweise
    Mir durch der Seele Grund.

    Und stamml‘ ich auch nur bange,
    Ich sing‘ es, weil ich muß,
    Du hörst doch in dem Klange
    Den alten Heimatgruß.

    Autor: Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)
    Titel: An meinen Bruder
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