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    Die alte Waschfrau (1833)

    Die alte Waschfrau

    Du siehst geschäftig bei den Linnen
    Die Alte dort im weißem Haar,
    Die rüstigste der Wäscherinnen,
    Im sechsundsiebenzigsten Jahr.
    So hat sie stets mit saurem Schweiß
    Ihr Brot in Ehr` und Zucht gegessen
    Und ausgefüllt mit treuem Fleiß
    Den Kreis, den Gott ihr zugemessen.

    Sie hat in ihren jungen Tagen
    Geliebt, gehofft und sich vermählt;
    Sie hat des Weibes Loos getragen,
    Die Sorgen haben nicht gefehlt;
    Sie hat den kranken Mann gepflegt;
    Sie hat drei Kinder ihm geboren;
    Sie hat ihn in das Grab gelegt
    Und Glaub` und Hoffnung nicht verloren.

    Da galt`s die Kinder zu ernähren;
    Sie griff es an mit heiterm Muth;
    Sie zog sie auf in Zucht und Ehren,
    Der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut.
    Zu suchen ihren Unterhalt,
    Entließ sie segnend ihre Lieben;
    So stand sie nun allein und alt,
    Ihr war ihr heit`rer Muth geblieben.

    Sie hat gespart und hat gesonnen
    Und Flachs gekauft und Nachts gewacht,
    Den Flachs zu feinem Garn gesponnen,
    Das Garn dem Weber hingebracht;
    Der hat`s gewebt zu Leinewand;
    Die Schere brauchte sie, die Nadel,
    Und nähte sich mit eig`ner Hand
    Ihr Sterbehemde sonder Tadel.

    Ihr Hemd, ihr Sterbehemd, sie schätzt es,
    Bewahrt`s im Schrein am Ehrenplatz;
    Es ist ihr Erstes und ihr Letztes,
    Ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz.
    Sie legt es an, des Herren Wort
    Am Sonntag früh sich einzuprägen,
    Dann legt sie`s wohlgefällig fort,
    Bis sie darin zur Ruh` sie legen.

    Und ich, an meinem Abend, wollte,
    Ich hätte, diesem Weibe gleich,
    Erfüllt, was ich erfüllen sollte
    In meinen Grenzen und Bereich;
    Ich wollt`, ich hätte so gewußt
    Am Kelch des Lebens mich zu laben
    Und könnt` am Ende gleiche Lust
    An meinem Sterbehemde haben.

    Autor: Adelbert von Chamisso (1781-1838)
    Titel: Die alte Waschfrau (1833)
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