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    Über die Galanterie des neunzehnten Jahrhunderts
    von Frau Prinzessin Ernst von Arenberg, geb. Prinzessin Sophie von Auersberg (1842)
    Über die Galanterie des neunzehnten Jahrhunderts
    Stampfen,¹) 1842

    Hundert Jahr‘ macht Aloën blühen;
    Und Jahrhunderte erziehen,
    Was auf Seiner schönen Welt
    Gott so gnädiglich erhält.  —  
    Ja, es lässt sich nicht bestreiten,
    Daß die Zeit im Vorwärtsschreiten,
    Manches ändert hier und dort;
    Sie setzt hin  —  und nimmt auch fort.  —  
    So zum Beispiel lasst uns sehen,
    Wie sie kann die Sitten drehen.

    Vor gar wenig hundert Jahren
    Stürzt‘ mit Lust sich in Gefahren
    Jeder wack‘re, brave Mann,
    Der ein Herz gewinnen kann.  —  
    Durch die Wälder,  —  durch das Grün
    Sah man tapf‘re Ritter zieh‘n,
    Lauschend jeder leisen Bitte,
    Nach gar edler, schöner Sitte,
    Führen treu mit hohem Sinn
    Schützend die Gebieterin.

    Als nach wider hundert Jahren
    Die Perücken Mode waren,
    Als die Schössel an dem Frack,
    Lange Weste, Topf und Claque,
    Statt dem Panzer und dem Schilde
    Zeigten sich am Modebilde,
    Als ein Menuet zu tanzen
    Höher galt als Schwert und Lanzen,  —  
    Waren dennoch oft zu schauen
    Männer,  —   die im Dienst der Frauen,
    Beugten manchmal noch das Knie,
    Aber seufzten hektisch nie.  —  
    War der Dienst auch noch so klein,
    Konnt‘ er ehrenvoll doch sein.  —  
    Damals zahlt‘ ein Dankesblick
    Kleine Dienste noch zurück;
    Ritterliche Galant‘rie
    Blieb der Sitte Poesie.

    Doch es lief mit flücht‘gem Sinn
    Wiederum ein Saeculum hin;
    Und es kam die schöne Zeit,
    Die ich Euch besinge heut‘.  —  
    Abermals in Waldes Mitte
    Hört wie sonst man Männerschritte.
    Doch kein Jagdzug zieht herauf;
    Schlau passt man dem Wilde auf,
    Schleicht im grauen Jägerrock
    Nah, ganz nah‘ sich zu dem Bock,
    Liegt gebückt im hohen Grase,
    Ganz versteckt bis an die Nase.
    Alles geht mit Witz und Trug.  —  
    „Wer sich plagt, der ist nicht klug!”
    Dieser weise, schöne Spruch
    Ist zur Richtschnur schon genug.

    Steht ein Sessel in vier Mauern,
    Kann die Frau am Boden kauern;
    Denn des Herrn bequeme Glieder
    Ließen auf dem Sitz sich nieder.  —  
    Wünscht die Dame jetzt zu trinken,
    Kann sie selbst dem Diener winken.  —  
    Rollt ihr Knäu‘l am Boden hin,
    Sieht der Herr es lächelnd flieh‘n.  —  
    Mahnt ihr Wort einfach zur Pflicht,
    So versteht er es fast nicht,
    Schaut sie höchst verwundert an,
    Daß sie es verlangen kann.  —  
    Und im Rückgrat schmerzt ein Stich,
    Quält ihn also fürchterlich
    Ganze vierundzwanzig Stund‘,
    Bis galant sein eigner Mund
    Lehrt die Dame, zu versteh‘n,
    Mit dem Zeitgeist fortzugeh‘n.
    Saeculum der faulen Zeit!  —  
    Deine Ungezwungenheit
    Weiss nichts mehr von Rittersinn;
    Galant‘rie musst‘ längst entflieh‘n.  —  
    Mag ein Herr jetzt stolz sich freu‘n,
    Dass er nicht kann höflich sein,
    Zahlt dafür ein witzig Wort
    Reichlich ja an seinem Ort.  —  
    Waidmanns Lust und Waidmanns Spiel
    Bleibt fortan das einz‘ge Ziel.  —  
    Und statt edlem Ritterkampf
    Liegt man hin im Tabaksdampf.  —  


    ¹) Stampfen: Schloss des Grafen Leopold Palffy, Gemahl der Prinzessin Zdenka Lobkowitz.


    Autor: Frau Prinzessin Ernst von Arenberg (1811-1901)
    Titel: Über die Galanterie des neunzehnten Jahrhunderts (Stampfen, 1842)
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